Osterweiterung oder Eine andere Geschichte

vw1015Der Osten an sich ist schwer zugänglich. Er ist rechts vom Nabel der Welt, also rechts von uns …
Während die Wikinger eher nach links über ihren Tellerand Rand schielten, zog es uns schon immer nach rechts … Rechts und Links sind überall auf der Welt relative Orientierungshilfen. Bei uns in Europa sind es zudem politische Grundbegriffe. Das liegt an den Folgen der französischen Revolution. In der Nationalversammlung saßen die Linken eben links. Ob nun links von den Rechten oder eben links wenn man zur Tür reinkommt, weiß keiner mehr so genau. Jedenfalls waren die Rechten damals noch keine Nazis, sondern Royalisten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bei der ersten Osterweiterung war die Welt noch eine Scheibe und drehte sich im wesentlichen um das Mittelmeer. Damals, als erst 410 Alarichs Goten und 50 Jahre später die Vandalen in Rom einmarschierten, was ja zur Konsequenz hatte, dass man die Reichshauptstadt von damals, nämlich Rom, kurzerhand nach Konstantinopel verlegte. Den IS gab es noch nicht und auch die Christen wurden gerade erst von Verfolgten zu Verfolgern. Von Ermordeten zu Mördern. The Walking Deads der ersten Stunde sozusagen.

Und die Welt teilte sich in ein Öströmisches und ein Weströmisches Reich auf, wobei es genau anders herum war, damals war der Westen im Zerfall begriffen und der Osten reich und sexy.  Hat ihm aber nix genützt, dem damaligen Osten. Heute heißt Konstaninopel nämlich Instanbul und hat eine Staatsreligion, die es damals noch nicht einmal gab. Erst kurz nach 700 fand ein Hirte und Karawanenführer die Ein-Gott-Religion der Christen mit ihrem Jesus so interessant, dass er eine eigene gründete und beim Schreiben der Satzung den Jesus zu einem Propheten degradierte … Daraus wurde dann eine ständige Bedrohung für Europa, sozusagen der nahende Osten. Schrittweise übernahmen wir deren Art zu Kochen, ihre Art zu bauen, ihre Angewohnheit, Frauen einzusperren, ihre Art zu rechnen. Jaja, alle Gewürze außer Salz haben wir von den Osmanen oder den Turken oder Seldschuken oder Arabern bekommen. Und auch unsere Zahlen. Heute wäre niemand ist spontan in der Lage, seinen Monatslohn einfach mal in römischen Zahlen aufzuschreiben… Die Muslime, die damals noch nicht mal so hießen, übernahmen von uns lediglich UNSERE Art, mit Andersdenkenden und Andersglaubenden umzugehen.
Etwas später übernahmen wir sogar ihre Art Deutsch zu sprechen und ihre Bärte.  Aber das ist eine andere Geschichte.

Komischerweise schrieben und schreiben sich die Herrscher immer mit Blut in die Analen ein. Ihre Bedeutung und unser Grad der Verehrung wird schon immer an der Zahl der Toten gemessen, die unsere Helden zu verantworten haben. Das gilt bis heute und bis auf eine kleine, schlecht rasierte Ausnahme.

Karl der Große, beispielsweise, der um 800 bereits als fahrender König durchs Land zog, und den Deutschen eine Bildungsreform schenkte und eine Staatsverwaltung einführte, ist eigentlich nur dafür bekannt, dass er die Westgoten und die Ostgoten im Frühmittelalter blutig wiedervereinigte. Und dann die Bayern, die heidnischen Sachsen unter Widukind, die Holländer, die Awaren und die Langobarden besiegte … Und das riesige fränkische Reich mit Blut und Eisen zusammenschweißte. Hat ihm aber alles nix genützt. Der Franzosenkönig heißt heute Holland. Und Franken gehören jetzt zu Bayern. Unser Staat ist weitgehend privatisiert und unsere Bildung… na seien wir mal ehrlich …

Den nächsten folgeschweren Ausflug Richtung Osten machte ein gewisser Marco Polo, der es auch sehr weit in den Osten geschafft hat. Ohne Schwert. Und der dann die Seide, das Schießpulver und die Pest aus China mitbrachte.
Als wir uns endlich davon erholt hatten, war erst mal Schluss mit Osten. Wir prügelten uns wieder untereinander.

Unterdessen versuchte ein geistig verwirrter Seefahrer, der vor allem durch sein Ei bekannt wurde, über den Westen in den Osten zu kommen und scheiterte an einer bis dahin still vor sich hinblühenden Landmasse. Kolumbus entdeckte Amerika nicht. Erstens waren mindestens die Wikinger vor ihm da, zweitens glaubte Kolumbus, er sei in Indien, weshalb die amerikanischen Ureinwohner bis heute Indianer genannt werden.
Dorthin verbannte man dann später die fanatischsten Christen, die gierigsten Räuber und die schlimmsten Schwerverbrecher Europas – und ganz viele Wirtschaftsflüchtlinge, die dort bereits das übernächste Imperium gründeten, bevor die Deutschen mit ihrem nächsten überhaupt begonnen hatten…  Aber das ist eine andere Geschichte.

Was Columbus nicht schaffte, gelang 1498 Herrn da Gama. Der segelte vom Ende des Westens weiter nach Westen und kam dann in Indien an. Ein anderer Porugiese schaffte es 1522 dann sogar einmal rum. Da spätestens hätte man merken müssen, dass die Welt keine Scheibe ist… hat man aber nicht. Während die Katholen tief im Westen und vor allem im Süden wüteten, machten die Osmanen, die ja im Grunde ihre Religion von den Katholen abgeschrieben hatten, deren erste Osterweiterung wieder rückgängig, indem sie über Konstantinopel herfielen.

1812 versuchte ein gewisser Napoleon seine eigene Osterweiterung. Nachdem er aus den Trümmern der ersten Republik sich ein Heer gezimmert hatte, fegte er – zack zack – einmal quer durch Europa. Nur um dann einfach in Russland im Schnee stecken zu bleiben.

Kurz darauf kam in Deutschland ein Mann an die Macht dem der sterbende Kaiser Willhelm einmal sagen wird: Es war mir eine Ehre, unter Ihnen Kaiser zu sein. Bismarck schlug die Franzosen vernichtend, weshalb die heute noch immer nicht mit uns reden, er ist außerdem daran Schuld, dass Österreich und Deutschland getrennte Wege gingen und er ging als ein Hasser der Sozialdemokraten und als Konservativling in die Geschichte ein, naja, und als der Einheitskanzler. Ok. Das auch. Der schweißte das Deutschland noch mit Blut und Eisen zusammen, was später ein Kaiser Willhelm der 2., ein paar Opportunisten und ein Österreicher zu Schanden reiten werden. Und, was sehr oft vergessen wird: Bismarck wollte nie in den Osten, weshalb es dem Neuen Deutschland dann auch 40 Jahre relativ gut ging.

Ab da sollte sich die Geschichte wiederholen. Nachdem Bismarck in Rente gegangen wurde, kloppten wir Europäer uns eine Weile untereinander, gingen mit Pickelhaube, Pferd und Säbel in den Krieg und kamen mit Senfgas, Panzern und Jagdbombern wieder zurück.
Die Deutschen verbündeten sich dabei mit den Osmanen, die von uns den Umgang mit Andersdenkenden lernten, die Armenier ausrotteten und sich dann, als sie mit uns Deutschen zusammen den Krieg verloren hatten, einfach in Luft auflösten … Plötzliche hieß Konstaninopel Istanbul und die Osmanen hießen Türken. Und die Deutschen waren Schuld an allem.

Ein Österreicher wurde dann Chef, machte die bismarcksche Trennung von Österreich einfach wieder rückgängig, besiegte Frankreich erneut, weshalb die in 100 Jahren immer noch nicht mir uns reden werden, legte sich mit der ganzen westlichen Welt an und brach dann wieder Richtung Osten auf. Er blieb, wie Napoleon 150 Jahre zuvor, in Russland im Schnee stecken.

Wir bombten uns dann mit Hilfe der Russen und Amis zurück in die Steinzeit. In der Mitte der Alten Welt wurde eine Grenze gezogen. Rechts war Osten, Links war Westen. Der Osten war links und der Westen aus der Sicht vom Osten rechts. Also politisch rechts und geografisch links. Die Erde war wieder eine Scheibe, die rechts mit Japan endete und links mit Australien. Vergessen das Ei des Kolumbus oder Magellans Weltumsegelung.

Durch die Erfindung des Fernsehen, des Radios und des Telefons konnten wir uns dann aber endlich beschimpfen, ohne gleich persönlich vorbeifahren zu müssen. Heute nennen wir das Facebook, früher hieß das noch Kalter Krieg. Den hat der Westen dann gewonnen. Kohl der Große wurde dafür bekannt, dass er die Westgoten und die Ostgoten im Herbst wiedervereinigte. Nicht mit Blut und Eisen, sondern mit Bananen und Westgeld.

Jetzt merkt der Westen, dass eigentlich der Osten einmarschiert ist, in zwei Angriffswellen.
Einmal in der Gastarbeiterinvasion in den 1960er und 70er Jahren, als ein Heer aus Instanbul erst unsere Fabriken übernahm und mittlerweile die gesamte Nahrungsversorgung der städtischen Bevölkerung unter seiner Kontrolle hat – und dann in den 1980er und 90er Jahren, als die Ostgoten über die Mauern stiegen und sich mit weit aufgerissenen Augen die Flausen aus dem Kopf schüttelten. Was ja zur Konsequenz hatte, dass man die Reichshauptstadt von damals, nämlich Bonn, kurzerhand wieder in den Osten nach Berlin verlegte, von wo aus inzwischen ganz Europa nun von einem in einem Schloss residierenden ostdeutschen Pfarrer, und einer FDJ Sekretärin aus der Uckermarck regiert wird.
Und von einem einsamen König der ehemaligen Westgoten, der immer noch emsig durchs Land rollt, und der als einziger Bildung hat und weiß, wie die Staatsverwaltung geht.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Letzten Endes haben wir in unserem Drang, uns zu erweitern, die Welt mehrere Male umrundet. Wir müssten eigentlich wissen, dass wir, wenn wir nur lange genug in eine Richtung marschieren, genau da wieder ankommen, wo wir losgelaufen sind.

(ToM zum Thema Osterweiterung im Oktober 2015)

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